Es war ein langgehegter Wunsch des Unterzeichneten, der seit 1890 Organist an der Wallfahrtskirche ist, für diese Kirche, wohin alljährlich
Hunderttausende von Pilgern strömen, eine dementsprechende, mit den mordernsten Mitteln der damaligen Orgelbaukunst ausgestattete
Orgel zu erhalten. Wenn auch die im Jahre 1874 von dem Kevelaerer Orgelbaumeister Rütter erbaute alte Orgel für ihre Zeit eine beachtenswerte
Leistung darstellte, so drängte doch der gewaltige Fortschritt und Aufschwung der damaligen Orgelbaukunst darauf hin, dass auch für
Kevelaer die Zeit gekommen war, für den herrlichen Gottesdienst in seiner Wallfahrtskirche ein würdiges Instrument zu besitzen, das
sämtliche Errungenschaften der modernen Orgelbautechnik in sich vereinigte und allen Anforderungen entspräche. Der derzeitige geistliche
Chorleiter Felix Achtermann begeisterte sich sehr für die Sache und so konnten wir gemeinsam mit dem Plane an den hochseligen Herrn
Prälaten Brockes, den damaligen Pfarrer von Kevelaer herantreten, der unserem Anliegen bereitwillig Gehör verlieh und gerne seine
Einwilligung gab. Nachdem nun Orgeln verschiedener Firmen angesehen, geprüft und Kostenanschläge eingefordert waren, wurde dem Orgelbaumeister
Ernst Seifert, Köln-Mannsfeld der Auftrag zuteil, Pläne für eine neue große Orgel anzufertigen. Schon damals plädierte Chordirektor
Achtermann für eine Vergrößerung der Orgelbühne, um mehr Raum für seinen Chor und Orchester zu bekommen, doch kam die Vergrößerung
leider nicht zur Ausführung. Orgelbaumeister Seifert hatte den Plan, das Hauptwerk mit 104 klingenden Stimmen am Ende des Hauptschiffes
im Turm aufzustellen, während die Fern- oder Hilfsorgel mit 18 Registern im Seitenschiff über die Sakristei ganz in einen Schwellkasten
eingebaut, ihren Platz finden sollte, wo auch ein selbständiger Spieltisch vorgesehen war. Es bestand die Absicht, das Werk ganz nach
Seifertschem Membranen-System pneumatisch einzurichten und die Fernorgel dem Hauptwerke elektro-pneumatisch anzuschließen, um das
Fernwerk auch von dem Hauptspieltische aus bedienen zu können. Die Disposition (Zusammenstellung der Register) wurde nach Rücksprache
mit maßgebenden Fachleuten aufs peinlichste geprüft und zusammengestellt, so dass die Prüfungsstelle bei der bischöflichen Behörde
nichts zu beanstanden hatte. Nach diesen Plänen wurde das Werk 1905 in Auftrag gegeben. Das künstlerische Orgelgehäuse wurde vom Baumeister
Pickel in Düsseldorf und Kunstmaler Stummel, Kevelaer, entworfen und seine Ausführung den Bildhauern Holtmann und Gebrüder van Bremen,
Kevelaer, übergeben. Das Riesenwerk ging 1907 der Vollendung entgegen. Die Abnahme konnte bereits im Juni im Beisein und Mitwirkung
hervorragender auswärtiger Orgelkünstler stattfinden. In Fachkreisen wurde allgemein die wundervolle Intonation, die Altmeister Seifert
den einzelnen Registern, wie auch dem ganzen Werk als solchem verliehen hatte, anerkannt, nicht zuletzt die abgerundete Wirkung des
vollen Werkes, die trotz all ihrer majestätischen Wucht niemals dem Ohre wehe tut.
Zum Lobe der Firma muss erwähnt werden , dass
das Werk, welches jetzt fast 20 Jahre steht, bei allen Witterungs- und Temperaturverhältnissen stets ungestört funktionierte. Wenn
man berücksichtigt, dass wohl selten eine Orgel in so angestrengtem Maße gebraucht wird, wie es in der Wallfahrtskirche der Fall ist,
dürfte der Beweis erbracht sein, dass das Prinzip, welches die Firma Seifert mit ihren Membranladen verfolgt, unbedingt richtig ist.
Der Umbau der Orgelbühne wurde immer mehr eine dringende Notwendigkeit durch die stete Zunahme der Wallfahrt und die dadurch bedingte
Vergrößerung von Chor und Orchester. Der jetzige geistliche Chordirektor Schmäing, ein für das musikalische Leben Kevelaers und besonders
der Wallfahrt unermüdlich tätiger Mann, gewann den um das Wallfahrtsleben hochverdienten und weitsichtigen Prälaten Kempkes für eine
Vergrößerung der Orgelbühne und der dadurch bedingten Verlegung des Spieltisches. Durch diesen notwendigen Umbau angeregt, machte
die Firma Ernst Seifert Söhne Cöln-Kevelaer den Vorschlag, bei dieser Gelegenheit die ganze Orgel, dem Fortschritt im Orgelbau entsprechend,
elektrisch umzubauen, um so mehr, als die elektrische Traktur alle Beschränkungen aufhebt, und, was besonders zu betonen ist, es ermöglicht,
dem Spieltische Bewegungsfreiheit zu geben, ihn also fahrbar zu machen. Weil gerade die Firma Seifert sich seit Jahren im Bau mit
großen elektrischen Orgeln viel Erfahrungen gesammelt hat, so gab Herr Prälat Kempkes, der kein Opfer scheut, um den aus Nah und Fern
herbeiströmenden Pilgern den Gottesdienst, der Bedeutung Kevelaers entsprechend, immer mehr zu verschönern, den Auftrag, die Orgel
elektrisch umzubauen, den Spieltisch fahrbar zu machen und das III. Manual, welches im Schwellkasten liegt, dem heutigen Stand der
Orgeldisposition entsprechend stärker auszubauen. Der fahrbare Spieltisch, ein Kunstwerk für sich, besitzt 4 Manuale mit je 61 Tasten,
und ein 2 ½ Octav großes Pedal. Der Spieltisch ladet zu beiden Seiten in halbrunde Bogen aus, wodurch die Register äußerst bequem
zu bedienen sind. Jedes einzelne Register lässt sich außer der Registerplatte mit noch 3 freien Kombinationen einstellen. Die Koppeln
geben dem Spieler die Möglichkeit, die Manuale unter sich, die einzelnen Register, sowie letztere mit dem Pedal zu verbinden. Besonders
schöne Wirkungen lassen sich durch die Melodiekoppel erzielen. Der Spieltisch hat eine ganze Menge fester Kombinationen und Hilfszüge.
Die Registrierung der Orgel ist durch die Farbenunterschiede in den Registerplatten und Knöpfen so übersichtlich, dass der Spieltisch
trotz seiner 650 Schaltungen mit Leichtigkeit von einem Spieler bedient werden kann. Über dem Pedal ist zunächst die Crescendowalze
angebracht, deren Bewegung vom feinsten Pianissimo bis zum größten Forte durch einen Zeiger am Spieltisch angedeutet wird. Neben der
Walze liegen 3 Schwelltritte für den Fuß, wodurch sich die hinter den Prospektpfeifen angebrachten Füllungen öffnen und schließen
lassen, und so ein an- und abschwellen der einzelnen Register bewirken. Als bemerkenswerte Neuerungen wären noch 10 kleine Trittwalzen,
die als Hilfszüge dienen, zu nennen, deren Funktion durch Lichtsignale am Spieltische beobachtet werden kann. Durch die rein elektrische
Traktur, welche allein an 20.000 Meter Kabel und 10.000 Kontakte bedingt, wodurch jede Windzuführung zum Spieltisch wegfällt, ist
die Ansprache auch äußerst präzise. Das Hauptgebläse steht im oberen Turm und wird von 2 Motoren getrieben, während eine Dynamomaschine
den Schwachstrom für die elektrische Traktur liefert. Insgesamt hat die Orgel 10.000 Pfeifen, von denen die größte eine Länge von
10,40 Meter und 50 Zentimeter Durchmesser hat, die kleinste ist 6 Millimeter lang mit einem Durchmesser von 3 Millimeter.